Fastenbilder - Gründonnerstag - 14. April 2022

Gethsemane und Gottes Licht

Soeben hat Herr L. mein Büro verlassen. Eine gute Stunde war er hier und hat mir aus seinem Leben erzählt.
Viel Dunkles gab es da von Anfang an. Dazwischen zwar auch manchmal schönere Zeiten, aber vor Kurzem war es dann wieder soweit: Herr L. kam freiwillig in die Psychiatrie, bevor noch etwas „Schlimmes“ passiert.

Und nun stehe ich hier in meinem Büro, sinne über das Leben von Herrn L. nach und betrachte dabei die Bilder, die an der Wand hängen. Sie handeln von der Gefangennahme Jesu. Eine Künstlerin, Viola Schweinfurter, hat sie 2007 gemalt und der Klinikseelsorge geschenkt. 

Ich betrachte das erste Bild (oben links). Bedrohlich sieht es aus. Jesus, bedrängt von vielen Menschen, die ihm Böses wollen. Auch Herr L. fühlt sich überwältigt von all den Sorgen und Problemen, die ihn immer wieder zur Verzweiflung bringen. So ist die Realität nun mal. Damit müssen wir immer wieder zurechtkommen.

Dann wandert mein Blick über die weiteren Bilder – von oben rechts, weiter nach unten links, dann unten rechts. Es verändert sich etwas: Während die Umrisse der „Bedränger“ immer konturloser und unschärfer werden, wird der Mensch in der Mitte immer strahlender.
Ist das vielleicht so, wie Gott auf uns schaut?
Gott, für den wir geliebt, strahlend, wertvoll sind?
Gott, für den unsere Probleme zwar da sind, der aber das große Ganze sieht?

Jesus in Gethsemane: Da war er am Tiefpunkt seines Lebens. Zitternd, ängstlich weinend. – Aber als die Soldaten kamen, ging er gefasst seinen Weg. Ich denke, ihm war im Gespräch mit Gott wieder klargeworden: 

Ich stehe nicht alleine da. Gott ist an meiner Seite.
Gott hält die Zeit in seinen Händen. Und die geht vorbei.
Gott wird mir Gerechtigkeit schaffen. Wie das genau aussieht, kann ich ihm überlassen.
Gott ist größer als all meine Probleme.
Gottes Licht siegt am Ende über alle Dunkelheit.

Und es kam dann auch so:  Das Osterlicht macht deutlich: Gott hat die Finsternis besiegt. Daran erinnern mich diese Bilder. Und daran erinnert mich Ostern: Es gibt keine Dunkelheit, die Gott nicht erhellen kann.

Gottes Licht wird unsere Finsternis vertreiben. 
Auch bei Herrn L. wird es so sein.

Getrost mache ich mich auf den weiteren Weg.

Pfarrerin Kathrin Eunicke