Zum Buß- und Bettag

 „Ach, das werde ich später büßen“.
Während meine Bekannte das sagt, leckt sie sich genussvoll die letzten Krümel eines großen Stücks Schwarzwälder Kirschtorte von den Lippen. Wir zwei Naschkatzen saßen im Café, und ich war mir sicher: Dieses eine Stück Torte würde die Elfe, die mir da gegenüber schwebte, noch nicht einmal in die Nähe der Fachabteilung für xxl-Mode bringen.

Ganz anders benutzten die Bußprediger des Mittelalters das Wort „büßen“. Das hatte so gar nichts mit Koketterie und Schäkern zu tun. Sie zogen, sich selbst geißelnd, durch die Dörfer und riefen die Menschen zur Buße auf, damit ihre Seelen nicht in ewiger Verdammnis landen würden, nachdem sie Gott für ihre Sünden mit dem Tod bestraft hätte.

Unser damals so verstandener Glauben ist mir sehr, sehr fremd. Wie bitte?
Gott sollte Menschen auf ewig bestrafen? Im Ernst jetzt?
Ich würde nach meinem Tod ewige Qualen leiden, wenn ich meine Sünden nicht bereue, sie beichte, dafür büße und die Vergebung erlange? „Wahnsinn“, entschlüpft es mir da unwillkürlich. Und doch gab und gibt es diese Prägung in unserer Glaubensgeschichte.

Und auch bei Patient*innen erlebe ich dieses Deutungsmuster manchmal. Ein Infarkt, ein Schlaganfall und Krebs werden als „Strafe“ für einen ungesunden Lebensstil gedeutet. Oder sogar der Tod eines ungeborenen Wunschkindes als Strafe für eine frühere Abtreibung.

Und da komme ich gedanklich und vom Glauben her nicht mehr mit. Ich glaube nicht, dass so etwas eine Strafe Gottes ist. Schon gar nicht der Tod eines Kindes. Gott nimmt doch kein Leben, um es anderen heimzuzahlen. Blutrache ist nun wirklich nicht das, was uns Jesus Christus gebracht hat. Er will keine Opfer, und er verteilt keine Krankheiten als Strafe oder gar Rache für Fehler, die wir begehen.

Ich denke: Ja, es ist wohl wahrscheinlich, dass jahrzehntelanges Rauchen den Krebs verursacht oder mitverursacht hat. Und ja, die tausendste Schwarzwälderkirsch ist irgendwann mehr als eine zu viel, wenn ich meine Cholesterinwerte und meinen Stoffwechsel im grünen Bereich halten will. Für mich sind das verständliche, nachvollziehbare Konsequenzen. Aber keine Strafen Gottes.

Wo ich wieder mit kann: Wenn jemand etwas bereut. Zum Beispiel, dass er oder sie Raubbau an der eigenen Gesundheit betrieben hat. Oder andere Menschen verletzte, körperlich oder seelisch. Oder einiges im Leben verpasst hat: immer aufgeschoben, und jetzt ist es zu spät dafür.

Tatsächlich sind es oft Taten oder Unterlassungen gegen die berühmten Zehn Gebote, die ein Gefühl von Bedauern und Reue auslösen. Und das hat dann wieder etwas mit dem Glauben zu tun, den ich lebe: Wer gegen die Gebote Gottes verstößt, der schadet damit oft sich und anderen. Und das tut weh, ganz ohne eine Strafaktion Gottes. Dann kommen der Schmerz, und der Wunsch, ihn nicht verursacht zu haben und ihn loszuwerden. Dann kommen das Bereuen und der Wunsch, es wieder gut zu machen.

Büßen – das Wort finden wir im Alten Testament. In dessen Muttersprache hat es den Beiklang „Umkehren“. Ich büße für etwas heißt dann auch: Ich kehre um, ich mache jetzt etwas anders. Ich gehe nicht weiter den Weg, der weh tut. Ich nehme den, der heilt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Buß- und Bettag. Dass Sie Zeit finden in sich zu gehen. Dass Sie sich auf einen guten Weg machen, wenn Sie denn auf einem schädlichen gegangen sein sollten. Oder weiter auf Ihrem Guten bleiben.
Und dass Sie sich dabei darauf verlassen: Gott straft nicht. Sondern er verzeiht, wenn wir ihn darum bitten. Er geht den Weg mit, auf dem wir gerade laufen. Und den, den wir an der nächsten Kreuzung wählen.

Pfr. Frank Nie