Barmherzigkeit - Zur Jahreslosung 2021

Zwei gezeichnete Gesichter im Profil, einander gegenüber, innen beschriftet mit z.B. Mitgefühl

 „Kommen Sie, ich helfe Ihnen, wenn’s recht ist!“
Er ist vielleicht 14, 15 Jahre alt. Schlaksig, ein wenig Flaum am Kinn, darüber funkeln wache, braune Augen.
Die Frau mit Rollator an der Supermarktkasse lächelt ihn dankbar an. „Au ja, bitte. Das ist aber nett von Dir.“
Und er packt rasch all die Einkäufe, die die Kassiererin über den Scanner gezogen hatte, in die Einkaufstasche der Frau und stellt sie in den Korb des Rollators. Denn er sieht: Die Frau braucht immer eine Hand, um sich festzuhalten – da wird so etwas Alltägliches recht schwierig.
„Danke schön.“
„Bitte, gern. Auf Wiedersehen.“

Manchmal ist es so einfach, barmherzig zu handeln. Man nehme ein wenig Hilfsbereitschaft, etwas Zeit und offene Augen, um zu sehen, dass jemand Hilfe brauchen könnte. Dazu eine gehörige Portion Respekt – den anderen zu fragen, ob er Hilfe annehmen möchte. Zum Schluss mehr oder weniger Tatkraft, mitunter reicht schon eine Prise: ein paar Nudeln, Mehl, Schokolade und Zigaretten in eine Einkaufstasche zu packen ist ein Klacks, wenn man gesund ist.

Praktische Hilfe ist sicher mit gemeint, wenn Jesus in der Jahreslosung für dieses Jahr 2021 sagt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist“ (Lukas Kapitel 6, Vers 36). Das reicht vom einmaligen Hinlangen bis zu jahrelanger Betreuung und Pflege eines krank gewordenen Partners. Und doch geht es im Kern, meine ich, um Grundlegenderes:

Barmherzigkeit ist vor allem eine innere Haltung. Es geht im Grunde um eine innere Haltung. Aus ihr wachsen dann hilfreiche Taten. Jesus spricht dabei von Gott und den Menschen. Gott, sagt er, ist barmherzig. Spricht man das laut aus und lässt die Lippen dabei ein wenig locker, wird Gott ganz rasch „warmherzig“. Gott sieht uns an, Sie und mich, und ihm wird warm ums Herz. Und dann setzt er sich für uns ein, mit warmem, vielleicht brennendem Herzen. Er wird Mensch und teilt unser ganzes Leben mit uns: Lieben, Lachen, Leiden, Sterben - und teilt mit uns sein Auferstehen.

An Gott mögen sich die Menschen ein Beispiel nehmen, meint Jesus. Also: Unsere Nächsten mit Wohlgefallen anschauen, dass sie unser Herz erwärmen. Zuallererst liebenswert – diesen Zugang zu (anderen) Menschen können wir üben. Zuallererst liebenswert – nie vergessen – sind auch wir selbst. Und unter dieser Überschrift können dann Ecken, Kanten, Macken und Fehler einsortiert werden. Gott ist barmherzig; er wird nicht kaltherzig, wenn er manches von dem, was wir tun, nicht gutheißt.

Barmherzig – sich selbst und anderen wohl gesonnen sein. Anteil nehmen und geben, einander wach und aufmerksam wahrnehmen, bejahen, und wo nötig helfen. Bei einigen gelingt uns das ganz einfach, bei anderen so gut wie oder überhaupt nicht. Aber dazu sind wir viele in einer Gemeinschaft: Was ich bei diesem ganz einfach kann und bei jener nicht hinkriege, gelingt anderen bei jener besonders leicht.

Barmherzigkeit ist so viel mehr als eine Jahreslosung, als eine Überschrift über ein Jahr. Sie ist der Boden unseres Lebens mit Gott, ein wirklich fruchtbarer, nährender Boden. Aber sie ist keine Garantie dafür, dass alles friedlich und gut ist. Gott teilte unser ganzes Leben, die dunklen Seiten und den Tod inklusive. Er nimmt uns das nicht ab, aber er nimmt Anteil daran und hilft uns hindurch. Und dabei ist er sehr großzügig und geht über das hinaus, was uns oft eine Grenze setzt: Die Schuld eines Menschen.

Wenn wir für „unverschuldet in Not“ geratene Menschen um Spenden werben, dann laufen unsere Spendenaktionen besonders gut. Vor allem für Kinder, aber auch für Tiere. Sammeln wir dagegen Spenden für die Therapie von Straftäter*innen oder Wohnheime für alkoholkranke Frauen und Männer sinken die Einnahmen signifikant. Das ist nicht nur so dahin gesagt – das habe ich als Fundraiser einer großen Diakonie jahrelang so erfahren. Das ist ein großes Feld, auf dem wir Barmherzigkeit pflegen und wachsen lassen können. Gar nicht so einfach, aber sehr verheißungsvoll.

Je öfter es uns gelingt, jemanden warmherzig anzuschauen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass auch wir so angesehen werden. Auch, wenn wir Mist gebaut haben. Ob wir das nun schaffen oder nicht – ich persönlich glaube, wir bleiben da allesamt ein Leben lang Übende: Gott wird warm ums Herz, wenn er uns sieht. Lassen Sie uns das spüren - und weitergeben.

Frank Nie
Klinikseelsorger CHZ
Foto: Johnhain/Pixabay