Den Alltag neu entdecken (2): Ins Herz sehen - Berufsrollen fasten

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Vielleicht sollten die Menschen auch jetzt mal den Verstand in ihre Herzen verorten!
Dann hätten wir eine freundlichere, wärmere Welt. Ich fänd's schön.

Fastenaktion (2)

Da gehe ich in Egloffstein am Sonntagnachmittag spazieren. Der Boden ist eisglatt, und auf dem Weg kommt mir ein Mann entgegen. Farbige Winterjacke, Mütze, mit einem netten Hund an der Leine. Emmi, meine Hündin, zieht kräftig an ihrer Leine zu ihm hin. Ich schau, dass ich nicht hinfalle, alles geht gut, Mann und Hund sind vorbei. Uff.

„Sie erkennen mich auch nur mit Maske, oder?“ schallt es da von hinten. Ach, sieh mal einer an! Bin ich doch glatt an Prof. Weyand (mit Hund) vorbei geschlittert ohne ihn zu erkennen, geschweige denn zu grüßen. Ich arbeite ja auch erst seit zwölf Jahren als Seelsorger auf seiner Herzchirurgie, da kann so etwas schon mal passieren? Autsch, das ist mir dann doch etwas peinlich; aber lustig fanden wir es beide auch.

Ein paar Tage später war die Welt dann wieder in Ordnung. Er trug seinen weißen Kittel, dazu die Maske, und wir liefen uns im Tunnel zwischen Alter Chirurgie und CHZ über den Weg. „Ah, Grüß Gott, Professor Weyand!“ Na bitte, geht doch!

Kriegen wir noch eine Leber auf Station?

Sieh mal einer an, denke ich mir. Wie sehr ich doch in der Klinik darauf gepolt bin, wer hier wo und in welcher Kleidung rumläuft. Ich sehe und erlebe Frauen und Männer bei der Arbeit. Ganz viel Funktion, dazu passende Kleidung, ich sehe die „Arbeitsansicht“ dieses Menschen, ihn oder sie in der Berufsrolle. Gut so, denn die braucht‘s, damit wir alle miteinander das Beste für die Patient*innen erreichen können.

Aber gerade die Patient*innen, mit denen ich als Seelsorger arbeite – und auch einige Mitarbeiter*innen – zeigen mir, was es darüber hinaus ganz notwendig braucht: Dass ich sie als Menschen wahrnehme und würdige. Denn ein Mensch ist immer mehr als die Rolle, die er gerade innehat. Er ist mehr als die „Leber“, die „wir noch auf Station kriegen“ (übrigens ein Originalzitat), auch mehr als „Prof. Dr.“ oder „Pers.Nr. 00682xxx“.

Vielleicht sagen Sie jetzt: „Au Mann, klar, ist doch ein alter Hut. Den Menschen achten? Kennen wir, wissen wir, wir arbeiten ja nicht umsonst an einer Klinik! Wären mir die Menschen wurscht dann würde ich hier nicht so ranklotzen.“

Altbekanntes neu ins Bewusstsein holen

Super! Davon gehe ich ehrlich gesagt auch aus. Aber wie es so ist – gerade das, was „eigentlich ganz klar“ und selbstverständlich ist, geht im Alltag gerne mal verloren. Deshalb lade ich Sie ein, das in dieser Woche einmal ganz beherzt und konzentriert in den Blick zu nehmen und anzugehen. Sehe ich den Menschen im Kollegen, in der Kollegin, genauso in den Patienten? Und lasse ich ihn, lasse ich sie spüren, dass er, dass sie hier als Mensch willkommen ist? Das ist mein Impuls für diese Fastenwoche: Den Menschen in der Kolleg*in/im Kollegen sehen und schätzen. So eine Art „Berufsrollenfasten“.

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist…

Im Alten Testament gibt es einen wunderbaren Satz dazu, der uns durch diese Woche begleiten kann. Im Ersten Buch Samuel steht: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an“ (Kap. 16, Vers 7). Das ist die Vorbemerkung, mit der der Prophet Samuel zu einem Mann namens Isai geht, weil er einen von dessen Söhnen zum König salben soll. Und er nimmt ausgerechnet den kleinsten von allen: David. Der Rest ist (biblische) Geschichte. David, der den Goliath besiegte, der berühmteste König seines Volkes, ein Urahn Jesu.

Schauen wir uns also auch mal ins Herz, soweit wir das mögen und einander zugestehen können. Wie ist das zum Beispiel, wenn im Falle eines schwerstkranken Patienten die Meinungen auseinander gehen: Soll man noch operieren, weiter beatmen, Maximaltherapie - oder wird die Therapie besser eingefroren, oder ganz beendet? Die einen meinen: Weitermachen. Die anderen meinen: Es führt zu nichts Gutem, besser beenden. Die einen fürchten: „Quälen wir einen Menschen?“ Die anderen fragen: „Warum wollt ihr ihn schon sterben lassen? Dazu sind wir nicht hier. Es gibt noch eine kleine Chance.“ Beide Parteien könnten einander menschliche Härte vorwerfen. Aber ist es das? Oder ist es nicht vielmehr beiderseits der Wunsch, das Beste für diesen Patienten zu tun? Ins Herz zu schauen (und ich meine das hier nicht im chirurgischen Sinne!) hilft dabei, einander zu verstehen und miteinander zu arbeiten.

Ins Herz schauen und einander groß machen

Das sind dramatische Situationen. Viel öfter geht es gleich ein paar Nummern kleiner: Sich für gute Zusammenarbeit bedanken. Jemandem, der die Arme voll hat, eine Tür aufhalten. Einen Kaffee mitbringen aus der Küche. Und wenn eine*r irgendwie neben sich steht – weder frotzeln noch Druck machen. Sondern wahrnehmen: Er, sie ist heute schräg drauf. Und unterstützen. Egal, ob es an einem Hangover liegt, oder einer Trennung oder einem Todesfall in der Familie: Sehen, dass eine*r Unterstützung braucht, und sie dann anbieten.

Die Verheißung, wenn wir einander freundlich ins Herz schauen und schauen lassen, ist groß: Wir machen jemanden, der gerade klein geworden ist, wieder groß, bis hin zum König (siehe Erstes Buch Samuel). Wir richten einander auf und kommen gut miteinander aus.

Ein letzter Gedanke, falls Sie zu den stark intellektuell geprägten Menschen gehören, denen Herzenssachen eher suspekt sind: Zur Zeit des Ersten Buches Samuel verorteten die Menschen auch den Verstand im Herzen.

Ich grüße Sie herzlich und lade Sie ein: Schreiben Sie mir, wenn Sie eine andere Meinung haben, oder etwas betonen möchten, oder erlebt haben. Hier in den Kommentaren liest es jede*r, wenn Sie mir persönlich mailen (frank.nie@uk-erlangen.de) bleibt es unter uns und ich antworte Ihnen gerne vertraulich.

Frank Nie
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