Den Alltag neu entdecken (6): Stein im Schuh – oder: Leichter laufen lernen

Fastenimpuls 6

Es gibt Dinge, die braucht man genauso nötig wie einen Stein im Schuh.

Ja, laufen kann man schon noch, irgendwie, mit einem Stein im Schuh. Ich habe das einmal versucht auf einer Wanderung.  Der Stein drückte und nervte – aber es war ja nicht mehr weit bis zum Ziel. Und ich wollte die anderen nicht aufhalten! „Die kurze Zeit wird das schon noch gehen.“ Und so bin ich tapfer weitergelaufen, später weitergehumpelt. Nicht lange, und ich habe meine Entscheidung bitter bereut.

Es gibt so manche Einstellungen oder Sätze, die uns prägen, und die so ähnlich wirken wie ein Stein im Schuh. „So schlimm ist das doch gar nicht“, denken wir zum Beispiel, und laufen damit weiter durchs Leben. Wir schleppen sie mit wie so einen drückenden Stein.

Ein Stein, der mich immer wieder mal drückt, ist das Vergleichen. Und vielleicht kennen Sie das ja auch, wenn man auf einmal das Gefühl hat, im Vergleich mit anderen nicht genug zu sein: Nicht schön genug, nicht reich genug, nicht klug genug, nicht jung genug, nicht dynamisch genug, nicht erfahren genug, nicht wichtig genug, nicht interessant genug….

Gerade sind wir im Endspurt der Fastenzeit: In der Karwoche, der Woche vor Ostern. Sie lädt uns besonders dazu ein, das loszulassen oder loszuwerden, was uns belastet und das Leben schwermachen will – seien es nun Steine im Schuh oder Einstellungen und Sätze.

Ich möchte in der Karwoche deshalb mal wieder üben, solche Gedanken loszulassen: Einen Vergleichs-Stopp üben, sozusagen. Ich merke aber: Das ist einfacher gesagt als getan. Denn diese Stein-Gedanken sind meist lange eingeübt. Wie versuche ich, damit umzugehen? Ich erzähle Ihnen mal, was ich mir vorgenommen habe:

Wenn negative Gedanken auftauchen, will ich 1.) sie mir erst einmal bewusst machen (oft bohren sie ja eher unterschwellig, fast unbewusst). Ich will mir freundlich und ohne Abwertung sagen: „Aha, ich vergleiche mich wieder“. Und dann lasse ich diese Gedanken weiterziehen, wie die Wolken am Himmel.

Dann möchte ich 2.) neue, positive Glaubens-Sätze an deren Stelle setzen. Sätze, die für mich passen; die ich vorher formuliert und eingeübt habe.

Ein paar Beispiele: „Ich bin geliebt“ – Oder: „Ich bin eine Bereicherung für diese Welt“.  Oder: „Mich gibt’s nur einmal“… - Oder: „Ich bin ein Geschöpf Gottes, ja sogar sein (Eben)Bild“ (1. Mose 1,27). – Oder: „Ich bin von Gott geliebt“ (Jesus spricht: „Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch“;
Johannes 15, 9).

Das finde ich so schön an Ostern:
Ostern zeigt mir, dass ich all das, was mich belastet, an Gott abgeben kann. Wer es schafft, den Tod zu überwinden, der kann mir auch dabei helfen, das loszuwerden, was für mich lebensfeindlich ist. Auch das Vergleichen, diesen „Stein im Schuh“.

Ich weiß: wenn ich das regelmäßig mache, hat das positive Auswirkungen. Immer wieder klappt es ja auch bei mir. Und immer wieder auch nicht… Dann versuche ich, nachsichtig mit mir zu sein – und wieder neu mich einzuüben.

Selbst wenn ich den Stein aus dem Schuh entfernt habe: Es geht halt nicht so schnell mit der Heilung. Was da aufgeschürft ist an unserem Fuß und unserer Seele: Die Wunde geht nicht gleich weg. Sie braucht Zeit und liebevolle Behandlung –auch und vor allem durch uns selbst. Und dann kann sie heilen.
Unsere positiven Glaubenssätze wirken auf Dauer wie ein Wundbalsam.

An Ostern ist uns der Himmel ganz nahegekommen. Wenn wir den Stein im Schuh loswerden, dann laufen wir vielleicht nicht gleich wie auf Wolken – aber sicher leichter. Einen Versuch wäre es wert. Vielleicht wollen Sie ja auch mal ausprobieren?
Ich wünsche Ihnen eine gute letzte Fastenwoche – und dann frohe Ostern!

Herzliche Grüße,

Pfarrer Johannes Eunicke
(Evang. Klinikseelsorger an den Kopfkliniken,
der Med. 4 und der Hautklinik)

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