Zurückschlagen oder Anklagen? Wider aggressive Wortwahl "nach unten"

Schlag ins Gesicht (Cartoon)
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Worte können wie Waffen oder Wellness wirken und alles dazwischen. Besonders wer öffentlich in verantwortlicher Position redet, gerät sofort in die Spannung zwischen Beziehungspflege, also Wellness, und Wahrheit. Sogar nichts zu sagen wird schon als Botschaft verstanden! Und so musste Bundeskanzler Friedrich Merz reden. Er bezeichnete die US-amerikanische Entführung des diktatorischen Staatschefs Nicolás Maduro als „komplexe Situation“, nicht als völkerrechtswidrige Entführung. Das mag vielleicht richtig sein, geht aber sicher am Kern vorbei. Und das alles, um den Entführer, US-Präsident Donald Trump, nicht zu verärgern. Wellness.

Parallel dazu entwickelt sich gleichzeitig eine deutlich aggressivere politische Sprache. „Kriegstüchtig“ müsse unser Land werden, und „zurückschlagen“ würden wir. Die Wortwahl von Boris Pistorius und Alexander Dobrindt versetzt mich in „Alarmbereitschaft“. Denn hinter Worten verbergen sich Gedanken und Haltungen. Solange es anonym bleibt oder gegen kleine Gruppen geht: Aggressiv, Worte wie Waffen. Geht es in eine Auseinandersetzung mit Mächtigen: Defensiv, bis an den Rand der Wahrheit und manchmal darüber hinaus.
Diese beiden Entwicklungen sind beileibe kein Privileg der Politik. Wortgewandte Schönfärberei hat längst in unserem eigenen Alltag Fuß gefasst. Preise zum Beispiel werden nur selten „erhöht“, sie werden meistens „angepasst“. Und aggressive Sprache nach „unten“? Ich empfehle Boulevardpresse, diverse Sportberichterstattungen oder so manchen Schulpausenhof.

In der Bibel fordert Jesus Christ*innen zu klarer, wahrer Rede auf, nicht zu Schönfärberei oder Grobheiten gegen Schwache. Gemeint sind dabei Sprache und die ihr innewohnende Haltung. „Eure Rede sei Ja, Ja; oder Nein, Nein. Was darüber ist, ist vom Bösen“ meint er. Klar und der Wahrheit entsprechend freundlich sprechen – darin liegt die Chance, einander ehrlich zu begegnen, immerhin einigermaßen zu verstehen und Frieden zu halten.

Also: werden wir verteidigungsfähig, nicht kriegstüchtig. Und wir schlagen nicht zurück. Stattdessen ermitteln wir Verdächtige, bringen sie vor Gericht, führen einen fairen Prozess und verurteilen sie, falls ihre Schuld bewiesen werden kann. Und privat, zum Beispiel beim Shopping: „Das T-Shirt sitzt zu eng“ statt „sieht aus wie Knackwurst in Pelle“. 
Pfr. Frank Nie